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Ist Leben ohne BAKTERIEN möglich? - Braucht der Mensch Darmbakterien? - Sind probiotische Bakterien gesund?

 

Seit über über hundert Jahren gibt es Auffassungen und Empfehlungen, die Darmflora zu beeinflussen, um „gesünder“ zu leben.
Teilweise stammen die Ideen aus den Anfängen der Bakteriologie.


Im 19. Jahrhundert behauptete Louis Pasteur, ein Leben ohne Bakterien sei nicht möglich. Schottelius in Freiburg (1895) und Thierfelder in Berlin (1908) konnten mit ihren Arbeitsgruppen beweisen, dass höhere Lebewesen in einer keimfreien Umgebung ohne Bakterien leben können. Spätere Forschungen ergaben, dass die Körperfunktionen bei keimfreien Tieren normal funktionieren und dass es weder Gedeihstörungen noch Stoffwechselstörungen gibt.

 

Ist Leben ohne BAKTERIEN möglich?

Unter keimfreien / sterilen Bedingungen kann auch das Immunsystem auf Reize (Antigene) normal antworten und Antikörper bilden. Man kann annehmen, dass das Immunsystem von Tier und Mensch unter keimfreien Bedingungen geschont wird. Allerdings ist ein keimfreies Leben in unserer belebten Umwelt nur in völliger Abgeschlossenheit möglich. Säuglinge mit einer angeborenen Immunschwäche sind bis zum Kindesalter in speziellen Isoliersystemen keimfrei aufgezogen worden („Ulmer Zwillinge“), um eine Behandlung durch Knochenmarktransplantation und Übertragung mit foetalen Thymuszellen zu ermöglichen. In der normalen Umgebung sterben Kinder mit angeborener schwerer Immunschwäche sonst an Infektionen.

Die gemachten Erfahrungen bestätigen, dass keimfreie Ernährung und das Fehlen einer mikrobiellen Körperflora (Darm ohne Bakterien) eine normale Körperentwicklung erlaubt. Der Mensch und alle anderen Lebewesen leben allerdings nicht in einer keimfreien Welt und sind daher von Mikroben (Bakterien, Viren, Pilze, Einzellern) besiedelt, die als Parasiten im (Magen-Darmtrakt, Atemwege), auf (Haut, Schleimhäute) und von dem Organismus leben.

Damit die Mikroben aber nicht ins Körperinnere (Blut und andere Organe) eindringen können, besitzt der Mensch (wie die Tiere auch) ein kompliziertes Abwehrsystem. Es besteht aus der Haut, den Schleimhäuten, der Unterhaut, den speziellen Blutzellen. Das Eindringen von Bakterien wird zunächst von der unverletzten Haut und der Schleimhaut verhindert. Ist die Haut nicht intakt oder verletzt, können Bakterien und andere Mikroben eindringen. In der Unterhaut befindliche Abwehrzellen versuchen, die Mikroben abzutöten und gleichzeitig spezielle Blutzellen zur Stelle des Eindringens durch Signale zu locken. Sie bestehen aus Fresszellen (Makrophagen), eiterbildende weiße Blutkörperchen (Granulozyten) und Immunabwehrzellen (Lymphozyten). Der Organismus bildet spezifische Antikörper, welche das Überleben der Mikroben bekämpfen. Allerdings dauert es einige Tage, bis Antikörper gegen eingedrungene Mikroben gebildet werden, wenn der Körper nicht schon früher einmal mit diesen Keimen in Berührung gekommen war.

Abwehrzellen mit einem Gedächtnis („memory cells) erinnern sich an frühere Auseinandersetzungen und produzieren sehr rasch spezifische Antikörper. Das ist auch das Prinzip von Impfstoffen.
Bei einer Impfung wird der Organismus mit unschädlichen (abgetöteten oder abgeschwächten) Eiweißstoffen von Bakterien oder Viren in Kontakt gebracht und kann darauf die spezifischen gegen die jeweilige Mikrobe gerichteten Antikörper bilden.

 

Braucht der Mensch Darmbakterien?

Der Dickdarm menschlicher Lebewesen ist von Unmengen von Bakterien, Viren und Pilzen besiedelt. Ein Gramm Stuhl enthält Milliarden von Bakterien. Sie müssen durch das komplexe Abwehrsystem in Schach gehalten werden. Der Darm gilt daher als der größte Teil des Immunsystems im menschlichen Körper. Die dem Körper bekannte Darmflora wird leicht am Eindringen über die Schleimhäute gehindert. Da der Mensch durch die Nahrung, durch Inhalation und andere Kontakte täglich neue Mikroben aufnimmt, ist das Abwehrsystem ständig ohne Pause aktiv. Jedes neue zugeführte Bakterium bewirkt zusätzliche Anstrengungen des Immunsystems. Die dem Körper bekannte Mikroflora hat in unserer belebten Umwelt aber auch eine Schutzfunktion. So werden manche neue Keime durch die vorhandenen daran gehindert, sich zu entwickeln und verschwinden wieder. Bakterien werden für die Verdauung nicht benötigt.

Dem Körper Bakterien zuzuführen, ist unnötig

denn gleich nach der Geburt erwirbt der steril Neugeborene eine Bakterienflora aus der Umgebung vorwiegend über die Mutter. Von Beginn des Lebens ist der Darm rasch mit Laktobazillen und Bifidobakterien besiedelt. Sie machen ca 99 % der Darmbakterien aus. Auch nach Unterdrückung durch Behandlung mit bestimmten Antibiotika sind sie innerhalb von Stunden wieder im Darm stabil vorhanden, sobald die Antibiotika abgesetzt sind.

Probiotische Bakterien sind nicht ungefährlich!

Seit einiger Zeit wird die Anwendung von sogenannten Probiotika zum Schutz vor Infektionen empfohlen. Es handelt sich dabei um Bakterien (Bifidobakterien und Laktobazillen) also sogenannte Anaerobier, die üblicherweise im Darm vorhanden sind. Es macht daher stutzig, dass die Anwendung von Probiotika einen vorbeugenden oder sogar heilenden Effekt haben sollen. Eine kürzlich veröffentlichte klinische Untersuchung ergab, dass eine wesentliche positive Wirkung bei Patienten mit akuter Bauchspeicheldrüsenentzündung nicht festzustellen war. Die Patienten mit der Behandlung mit Probiotika hatten aber eine höhere Sterblichkeit als diejenigen, welche keine Probiotika bekommen haben.
Die Untersucher warnen daher vor der Gabe von Probiotika bei der akuten Bauchspeicheldrüsenentzündung
(Dutch Akute Pancreatitis Study Group, Lancet, 23. Februar 2008).